von Yasmin Scholten
30. November 2024
pilates blog 1

Geboren 1883 in Mönchengladbach, früher nur Gladbach genannt, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen als schwächliches, oft kränkliches Kind auf. Sein Vater Friedrich war begeisterter Turner und boxte trotz damaligem Verbot leidenschaftlich gerne, was Joseph schon als kleiner Junge begeisterte.

Statt mit Freunden zu spielen, ging er lieber in den Wald und beobachtete Tiere in ihren Bewegungen und war fasziniert wie sich diese elegant ohne Steifheit und mit viel Körperspannung bewegten und teilweise sehr weit springen konnten.

Er träumte schon als Junge davon ein starker Mann zu werden.

Aufgrund der damals herrschenden schlechten hygienischen Bedingungen verlor er einige Geschwister im Babyalter. Aus Mitleid erhielt er von einem behandelnden Arzt ein altes Anatomiebuch geschenkt, welches er bis ins kleinste Detail studierte.

Im Gegensatz zu den eher steifen und unnatürlichen Bewegungen beim Turnen gefiel ihm das Boxen besser, da die Bewegungen flüssiger und aus dem ganzen Körper heraus waren. Aber bis 1908 war Boxen verboten und danach fehlte es an erfahrenen Lehrern, Vorbildern und Gegnern.

Als Jugendlicher war er durch das Kraft-Training (Turnen beinhaltete neben Übungen auf dem Boden und an Geräten auch Übungen mit Hanteln und Gewichten) und Boxen mit seinem Vater und Bruder ein kräftiger junger Mann geworden. Mit 16 Jahren machte er eine Bierbrauer-Lehre und interessierte sich aber mehr für die Konstruktion der Maschinen, die zu der Zeit gerade entwickelt wurden.

Er sah seine berufliche Zukunft, trotz guter Chancen im Brauwesen, in der Körperarbeit. Die monotone Arbeit über viele Stunden ohne frische Luft machte für ihn keinen Sinn. Seine Kollegen litten schon in jungen Jahren an Rückenschmerzen, hatten schwache Muskeln und waren übergewichtig.

Bei seinen Kindern beobachtete er ebenfalls mit welcher unermüdlichen Muskelarbeit diese sich bewegten und immer stärker wurden. Die aufgerichtete Wirbelsäule und die komplette Entspannung der Muskeln beim Schlaf imponierten ihm. Dies faszinierte ihn ja auch damals bei den Tieren.

Er wollte mit Übungen die Stufen der Bewegungsentwicklung nachahmen. Er war seiner Zeit voraus, denn er erkannte, dass Erwachsene so wie Kinder, die dies lernen, ihre Muskeln erneut stärken müssen weil sie diese im Alltag viel zu wenig oder einseitig nutzen.

Nach dem Tod seiner 1. Frau kamen die Kinder bei Verwandten unter und Joseph Pilates ging 1913 nach England. Zu der Zeit arbeiteten viele Deutsche dort, da die Bezahlung besser war und sie sich ein besseres Leben wünschten. Vermutlich wollte Joseph Pilates Boxer in England werden. Zu der Zeit war Boxen dort sehr populär und als Profi konnte man auch Geld verdienen. Er gab ebenfalls an, in einer Zirkusgruppe tätig gewesen zu sein.

Doch mit Ausbruch des 1. Weltkrieges galten Deutsche als Feinde und wurden interniert. 1915 kam er auf die Insel Isle of Men. Um der Tristesse und den schlechten Bedingungen entgegenzuwirken, formierten sich u.a. verschieden Sportgruppen. In einer Boxgruppe fungierte Joseph Pilates als Lehrer und Schiedsrichter. Es blieb ihm auch genug Zeit sein Übungsprogramm weiter zu entwickeln und er hatte genug Mitinsassen, an denen er es ausprobieren konnte. Er war wahrscheinlich auch in der Krankenstation als Therapeut für Rehabilitation tätig. Vermutlich kam ihm auch da die Idee mit Sprungfedern der Federbetten die Muskeln der Bettlägrigen zu stärken.

1919 kam er frei, ging nach Deutschland zurück und eröffnete eine Boxschule in der alten Heimat. Er entwickelte auch mit seinem Vater und Bruder die Übungen und Geräte weiter. Im August 1922 meldete er sein erstes Gerät, den „FOOT CORRECTOR“ zum Patent an: „Vorrichtung zur Beseitigung oder Besserung von Bein- und Fußfehlern o.dgl.

Neben den Turnübungen prägten ihn auch Bodybuilding des damals berühmten Kraftsportlehrers Eugen Sandow, bewusste Atmung und Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung des bekannten Delsarte-Systems und die Beobachtungen von Kindern und Tieren. Wahrscheinlich kam er auch mit dem indischen Yoga in Berührung was in den 1920ern schon damals in Deutschland relativ populär war.

1923 ging er nach Hamburg und war dort als Lehrer für Selbstverteidigung für die Polizei zuständig. Er hatte sich auch intensiv mit dem damals in Deutschland beliebten Jiu-Jitsu beschäftigt, das den Körper durch Muskelwiderstand kräftig.

Er entwickelte dort auch sein zweites Körperübungsgerät, was später als „Reformer“ bekannt wurde. Schon damals arbeitete er mit Patienten, die ihm von bekannten Ärzten vermittelt wurden, die von seiner Methode begeistert waren.

Die Geräte erleichterten ihm die Arbeit als Lehrer. Ohne Geräte musste er sich selbst gegen die verschiedenen Körperteile seiner Klienten stemmen, wenn er mit ihnen Übungen zur Kräftigung und Dehnung machte. Federspannung war am vorteilhaftesten da er einfach entsprechend den Bedürfnissen des Körpers mehr oder weniger Federspannung nutzen konnte.

Er war auch ein FKK-Befürworter, das auch schon damals viele Anhänger hatte – frei nach dem Motto: Kleidung stört die Bewegung und schränkt diese ein. Er war der Auffassung der Mensch braucht beim Training Licht und Luft.

Durch Hyperinflation, Not und Hunger wanderte sein Bruder bereits 1922 in die USA aus. Nach Patentanmeldung seines Körperübungsgerät verließ auch er 1926 aufgrund der damaligen Situation in Deutschland und der Hoffnung auf ein liberales und modernen Amerika per Schiff Deutschland.

Auf der Überfahrt lernte er seine zukünftige Lebenspartner Clara Zeuner kennen die von seinen Plänen in New York begeistert war. 

Sie eröffneten ein Studio und wohnten im Appartement daneben in der 8th Ave 939 in Hell´s Kitchen, Nähe Broadway, in dem vorwiegend Immigranten unterkamen, da es günstig war.

Er joggte jeden Morgen in Badehose bei jedem Wetter durch die Stadt und erkundete so die Gegend.

Nat Fleischer, ein bekannter Boxjournalist der häufiger auf Talentsuche in Deutschland war, kannte er gut und dieser half ihm auch Fuß in NYC zu fassen. Übrigens empfahl ihm Joseph Pilates mal den talentierten Max Schmeling beim Boxkampf anzuschauen.

Er half zahlreichen Tanzgrößen bei Verletzungen und so war er bald schon die wichtigste Adresse für Reha in New York.  Vorwiegend Tänzerinnen, aber auch Schauspieler und normale Menschen kamen trotz Wirtschaftskrise zu ihm. Sie konnten durch Pilates Kraft schöpfen.

Sein Studio zierten großformatige Fototafeln die seine Arbeit dokumentierten. Jede Tafel hatte ein eigenes Thema und es gab Vorher und Nachher Fotos.

Das Training sah anders aus als meist heutzutage. Zur Einführung arbeiteteten er oder Clara bzw. auch Tänzer die er gegen freies Training unterrichten ließ, mit den Klienten. Nach ein paar Stunden mussten sich diese die Übungen eingeprägt haben und trainierten eigenständig. Hin und wieder wurde korrigiert und das Repertoire erweitert. Joe war dabei recht streng und mitunter sehr ungeduldig, Clara war sanftmütiger und hatte Geduld es zu erklären.

Er gab zahlreiche Interviews, Zeitungsartikel und trat im Fernsehen auf um sein Trainingsprogramm bekannt zu machen. Weitere Geräte folgten und er schrieb 2 Bücher „Your Health“ und „Return die Life Through Contrology“. „Contrology“ also Körperkontrolle nannte er mittlerweile seine Methode.

Clara und er waren nicht sehr geschäftstüchtig. Es ging ihnen nie ums Geld. Sie hatten zwar aufgrund der hohen Bekanntheit durch Artikel und Berichten viele Kunden, aber für neue Patente musste viel Geld bezahlt werden.

Am 9. Oktober 1967 starb Joseph Pilates in Folge eines Lungenemphysems da er starker Zigarrenraucher war.

Nach seinem Tod verbreitete sich die Methode, später unter dem Namen Pilates, erst in ganz USA und dann durch die Tänzer aus allen Ländern und auch durch viele Fans aus Hollywood in die ganze Welt.

Als Älteste werden die wenigen bezeichnet, die noch mit Pilates persönlich gearbeitet und von ihm gelernt haben. Als 2. Lehrergeneration gelten diejenigen die z. B. von Romana Kryzanowska (2013 verstorben), Joseph Pilates bekannteste Protege, ausgebildet wurden. Viele heutige Ausbilder lernten bei Romana, dessen Programm für einen hohen Qualitätsstandard und nahe an der Originalmethode steht. Aber auch Jay Grimes (2024 verstorben), der meine Pilates-Mentorin Lesley Logan ausgebildet hat, sorgte mit Klarheit und Liebe zur Pilates-Methode dafür, das wichtige Grundlagen für die kommenden Generationen geschaffen wurden.

Joseph Pilates Vision ist über 50 Jahre nach seinem Tod weltweit bekannter und beliebter als er es sich wahrscheinlich je hätte vorstellen können.